Fear Less, Dare More
Heute abend gab's eine Ergänzung im Beitrag Schuhmachers Wahlkampf-Finanzierung ? eine Modellrechnung – ein Leser, der was von der Materie versteht, war so freundlich, einige Zahlen nach oben zu korrigieren. Aber das ist hoffentlich nicht die Antwort auf die Frage, was diese Stadt (Filderstadt, ihr Internetbesucher von weiter weg!) wert ist.
Auf seine neuen Plastikplakate hat Herr Schuhmacher folgendes gedruckt (siehe auch Bild):
Wenn es eines gibt, was ich hier gelernt habe, dann ist es 100fache Lebensqualität, die höher wiegt als der technische Fortschritt. An diesem Ort will ich gerne OB sein.
Und damit habe ich Probleme, die bei Satzbau und Semantik anfangen und bei der konservativen Emotion aufhören.
Herr Schuhmacher konstruiert hier einen Gegensatz zwischen Filderstadt und dem technischen Fortschritt, der so einfach nicht existiert. Zum einen hat jeder technische Fortschritt der letzten 2000 Jahre dazu beigetragen, die Lebensqualität zu verbessern. Beispiele: Pflug = mehr Nahrung, Aquädukt = Wasser für größere Ansiedlungen, Pferdekutsche = Handel, Aspirin = keine Kopfschmerzen mehr, moderne Medizin = eine durchschnittliche Lebenserwartung, die die unserer Vorfahren verdoppelt hat und bald verdreifacht. Filderstadt hat seinen Anteil am technischen Fortschritt und will ihn sicher nicht missen!
Was Herr Schuhmacher vermutlich mit "technischem Fortschritt" meint, ist die zweite Startbahn für den Flughafen. Wie das Wort "zweite" schon sagt, ist das aber kein Fortschritt, sondern mehr vom selben. Das macht sich aber schlecht als Slogan.
Außerdem stimmt der Vergleich Lebensqualität gegen Fortschritt auch vom Satzbau nicht. Besseres Deutsch wäre: "… dann ist es, dass Lebensqualität 100mal mehr wiegt als der technische Fortschritt". Etwas wiegt in der deutschen Sprache mehr, nicht höher als etwas anderes. Es wäre auch gegangen: "… dann ist es, dass Lebensqualität 100fach höher bewertet wird als der technische Fortschritt".
Warum ich mich über solche Lappalien aufrege, die man doch täglich in allen möglichen Publikationen so und schlimmer sieht? Weil die Sprache das Haupt-Werkzeug eines Politikers ist. Mein Ideal von einem Politiker ist jemand, der klar sagt, was er will, wie er es angeht und warum er es für das Richtige hält. Ein Politiker, der die Sprache nicht beherrscht, macht sich lächerlich. Beispiele: Alt-Kanzler Kohl, Alt-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber.
Beherrscht Herr Schuhmacher die Sprache nicht? Seinen öffentlichen Auftritten nach ist er durchaus zum klaren Wort fähig. Warum steht der Satz also so krumm auf hunderten Wahlplakaten in Filderstadt? Weil er kein Satz ist, sondern eine Aneinanderreihung von Schlüsselwörtern, die im Bürger Emotionen und einen Wählreiz erzeugen sollen.
Der Satz baut eine Spannungskurve auf, die Herrn Schuhmacher mit dem positiven Begriff "lernen" und die Lebensqualität mit dem positiven Begriff "höher" in Verbindung bringt. Und am Ende der Spannungskurve bekommt der "technische Fortschritt eines auf den Deckel.
Der Rest der Worte muss einfach die Lücken füllen, da spielt die Sinnhaftigkeit der Aussage keine Rolle mehr.
Und jetzt werfen wir noch kurz einen Blick auf den Themen-Katalog des Kandidaten und überlegen uns, wo Lebensqualiät dem technischen Fortschritt entgegensteht und wo der technische Fortschritt die Steigerung der Lebensqualität ermöglicht:
Ich sehe keinen Punkt, bei dem der technische Fortschritt die Erreichung eines Ziels behindert. Bei den Punkten Verkehrsinfrastruktur und ÖPNV, der Wasserqualität (Bodenseewasserversorgung ist auch dem technischen Fortschritt gedankt, oder?) und Ortskern-Sanierung und den eigenen vier Wänden bin ich mir fast 100%ig sicher, dass der technsche Fortschritt uns hilfreich zur Seite steht.
Wie, Sie lesen gar keine Wahlplakate? — Das sollte ich mir als guten Vorsatz für Sylvester merken!
